Review: ATRIUM NOCTIS – Atrium Noctis

ATRIUM NOCTIS – s/t // © 2022 Atrium Noctis

Anachronismus ist bekanntlich ein fremder Zustand für mich. Denn so sehr ich es musikalisch zu schätzen weiß, wenn Bands ihre Einflüsse aus 20, 30 oder 40 Jahre alten „Klassikeralben“ ziehen, lässt mich die bewusst angewandte Retro-Schiene doch sehr oft mit einem fragenden Blick zurück. Vielleicht habe ich aber auch ein bisschen ein Händchen dafür, mir immer genau diese Bands aus dem mittlerweile mehr als unübersichtlichen Veröffentlichungswust herauszupicken, denen ein gewisser Charme ob ihres altertümlichen Sounds nicht abzusprechen ist. So wie die Kölner ATRIUM NOCTIS, die mit ihrem melodischen und symphonischen Black Metal auch gut ins Roster der wenigen guten Bands auf Last Episode damals gepasst hätten. Und nein, dies meine ich keineswegs despektierlich, denn so beschissen die allermeisten Releases dieses Labels auch waren, eine Handvoll auch heute noch funktionierender gab es dann doch… Doch genug dieses kleinen Querverweises, wir haben schließlich 2022 und das ist der Zeitraum, der wichtig für die Bewertung der Neueinspielungen auf dem selbstbetitelten Album der Kölner ist.

Ich fange jetzt gar nicht erst an, über Sinn oder Unsinn von Neueinspielungen zu streiten, zumal von einer mir bisher unbekannten (seit 2002 aktiven) Underground-Band. Wenn es den Musikern ein Bedürfnis war – wer bin ich, dies in Abrede zu stellen? Eben… Deswegen fällt es mir natürlich auch sehr leicht, wirklich objektiv an den Release heranzugehen. Spoiler: Ich bin wirklich positiv überrascht von dem in der guten Stunde Gebotenem! Das fängt schon bei der sehr druckvollen Produktion an, die durchaus modern aus den Boxen drückt. Auch werden die Keyboards nur als zusätzliche Untermalung genutzt und stehen nicht permanent im Vordergrund. Im Gegenteil setzt man lieber die Riffs und das ordentlich treibende Drumming gut in Szene und zeigt somit (wenn auch unbewusst) einen großen Fehler vieler Neunziger-Bands gerade auf dem oben genannten Label auf. Melodischer und bisweilen symphonischer Black Metal verlangt eben nach einem kraftvollen Sound und den bekommen wir von ATRIUM NOCTIS geboten.

Die neun Tracks – und damit kommen wir zum wesentlichen Bestandteil des Albums – können dabei durchweg überzeugen. Es ist zwar nicht alles Gold, was glänzt, doch selbst diese Momente sind dann wohl eher Geschmackssache. Bemerkenswert ist zunächst die Aggressivität, mit der hier nach vorne geprescht wird: Im Kern hat die Band es anscheinend verstanden, worum es wirklich auch in solch einem etwas zugänglicheren Stil geht: fucking Metal! Die symphonischen Elemente werden sparsam und an den richtigen Stellen eingesetzt und entfalten dadurch ihre Wirkung als Kontrapunkt. Auch verströmen die Keyboardsounds kein willkürlich erscheinendes Geklimper, was meine größte Sorge war, sondern werden eben nur punktuell mal etwas weiter nach vorne gehoben. Atmosphärisch wird dabei das komplette Spektrum zwischen purem Black Metal und frühen Spielarten gewisser Subgenres bedient. Obwohl die aggressiven Parts definitiv überwiegen, finden sich jedoch auch immer mal wieder Riffs oder Leads, die eher an frühen Pagan Black Metal deutscher Prägung erinnern (speziell von unserem oben genannten Lieblingslabel… hust…). Das klingt jedoch nie cheesy, sondern hat eher einen etwas kauzigen Beigeschmack, den man entweder mag oder nicht. Das bringt mich abschließend dann auch zum einzigen Punkt, der mir rein musikalisch zwar nicht zusagt, dem ich einen gewissen Charme aber auch nicht völlig absprechen möchte: Die hin und wieder eingestreuten weiblichen Vocals erinnern mich – leider – zu sehr unangenehm an das Mystic Circle-Debüt, was ja nun wirklich eher zum Fremdschämen einlud. Wie gesagt: Geschmackssache… Jedoch schmälert dies den Gesamteindruck nur unwesentlich und am Ende bleibt ein durchgängig überzeugender Release, den man guten Gewissens immer wieder auflegen kann. Ich bin beeindruckt!

Zugegeben, der Begriff „kauzig“ wird seit einiger Zeit ja wirklich inflationär verwendet – und da nehme ich mich gar nicht aus. Doch ATRIUM NOCTIS sind eben genau das: Ein kauziger Anachronismus der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts, der es irgendwie ins Hier und Jetzt geschafft hat. Jedoch ist hier soviel Liebe und Herzblut ins Songwriting geflossen, dass man dieser Rückwärtsgewandtheit nicht einmal böse sein kann, sondern sich im Gegenteil darüber freut, dass es auch nach der Jahrtausendwende immer noch Bands gibt, die melodischen, symphonischen Black Metal der alten Art spielen und ihm durch einen modernen Sound endlich Relevanz einhauchen. Und dafür bin zumindest ich wirklich dankbar! KAUFEMPFEHLUNG!!! +++ 8 / 10 Punkten

Erschienen ist „Atrium Noctis“ am 22.02.2022 im Eigenverlag als CD und kann am einfachsten direkt über die Facebook-Seite der Band geordert werden.

ATRIUM NOCTIS // © 2022 Atrium Noctis

ATRIUM NOCTIS – Atrium Noctis
Melodic / Symphonic Black Metal from Germany
Independent
Running time: 59:59 minutes
Release date: February 22nd, 2022 (CD)

Atrium Noctis Facebook

Review © 2022 Beatrice Sophia von Siedler / Black Salvation

Anregungen? Kritik? Immer her damit...

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.