ATTIC – Sanctimonious

Copyright: Ván Records / Attic
Copyright: Ván Records / Attic

„Fornication means damnation“

Hinweis in eigener Sache:
Das Review ist ausnahmsweise diesmal sehr lang, da es mir ein inneres Bedürfnis war, auch eine kurze Beschreibung der Texte mit einzufügen. Resultierend aus meinen eigenen Glaubenserfahrungen heraus und die Prozesse, die zu meinem Abfall von diesem geführt haben, lassen mich die Lyrics sehr tief die Vorgänge spüren, die dazu geführt haben. Ich empfinde „Sanctimonious“ daher als ein extrem persönliches Album, dessen Texte eine gewisse Metaebene nicht verhehlen können, wie ich finde.

Zugegeben: Klassischer Heavy Metal ist nicht gerade die Präferenz auf BLACK SALVATION – Aber da die meisten von uns mit dieser Art von Musik aufgewachsen sind und gerade im Black Metal eine große Vorliebe für Mercyful Fate und King Diamond zu finden ist, darf es niemanden verwundern, dass die Nordrhein-Westfalen ATTIC ebenfalls eine hohe Reputation in der Schwarzmetall-Szene genießen. In erster Linie ist das natürlich der unfassbaren Kopfstimme von Meister Cagliostro zu verdanken, der sich gesanglich in keinster Weise hinter dem King zu verstecken braucht. Und auch musikalisch spielt man bereits seit dem Debüt in einer ganz eigenen Liga. Völlig egal, wie ‚old-schoolig‘ diese Musik auch für viele wirken mag (zeigt dieses Denken doch nur die Ignoranz gegenüber dem aktuellen Underground), so ist deren Relevanz nicht von der Hand zu weisen. Denn gerade durch die unbändige Energie (sowohl live als auch auf den Alben) wird der Spirit am Leben gehalten. Ich für meinen Teil konnte und kann auch nicht die immer wieder auftretenden „King-Diamond-Rip-off“-Vorwürfe verstehen. Natürlich sind die Vocals das dominierende Stilelement im Bandsound. Allerdings finden sich auf den bisher zwei Alben so gut wie keine King Diamond / Mercyful Fate-Gedächtnisriffs, sondern es wird verdammt eigenständig agiert, so dass man auch ohne die charakteristische Stimme sofort als ATTIC zu erkennen wäre.

War bereits das Ende 2012 veröffentlichte Debüt „The invocation“ richtig abwechslungsreich und ließ einen mehr als einmal eine wohlige Gänsehaut erleben („Edlyn“!!!), setzt das gerade veröffentlichte „Sanctimonious“ dem Ganzen wahrlich die Krone auf. Obwohl als Konzeptalbum mit durchgehender Storyline konzipiert, funktioniert jeder Song auch für sich alleine stehend, was schon mal einen fetten Bonuspunkt bringt, da ich so etwas extrem schätze. Vom Intro „Iudicium Dei“ bis hin zum Album-Closer „There is no God“ zieht sich ein stringenter roter Faden durch die Tracks in Form der Texte (natürlich) in Verbindung mit der jeweiligen musikalischen Vorgabe. Die durch die Lyrics transportierten Emotionen sind fantastisch in die Musik eingewoben; und das findet man bei Konzeptalben meiner Meinung nach eh viel zu selten. Noch ein Bonuspunkt. Ja, die Story mag ein wenig klischeehaft sein, aber das macht den Stoff an sich nicht weniger intensiv. Und obwohl „Sanctimonious“ seit Release in Dauerrotation läuft und die Texte mittlerweile komplett verinnerlicht sind, so finde ich sie nach wie vor knüppelhart. Im Folgenden gehe ich sehr ausführlich auf die einzelnen Tracks ein; wen in erster Linie nur die Wertung interessiert, der darf daher gerne nach unten scrollen.

„Iudicium Dei“
Als sakral gestaltetes Intro von nicht ganz anderthalb Minuten stimmt es schon hervorragend in die folgende Stunde Musik ein. Zieht man als Bezugspunkt nur das – oberflächlich betrachtet – von der Farbgebung her sehr schlichte Cover hinzu, ahnt man schon, dass sich unter dem Offensichtlichen noch viel mehr entdecken lässt und dass der Schein oftmals trügerisch ist. In die drohend über der Abtei tief hängenden Wolken lässt sich je nach Blickwinkel viel hinein interpretieren, je länger man sich in den Anblick versenkt und die Sicht darauf verändert – jedenfalls ist dies meine ganz persönliche Erfahrung.

„Sanctimonious“
Der Opener und gleichzeitig recht schnelle Titeltrack beginnt mit einem wahren Sturm nicht nur in den Lyrics, sondern auch in Form von sehr nahe am Black Metal liegenden Riffs, untermalt von einem beeindruckenden Double-Bass-Gewitter. Schon in diesen ersten Minuten wird deutlich, wie stark sich die Instrumentalfraktion weiterentwickelt hat und das man als Band, als Einheit exzellent funktioniert. Die Geschwindigkeitswechsel sorgen für ein gehöriges Maß an Abwechslung, die Produktion lässt keine Wünsche offen und dieser Gesang – wer da nicht im siebten Metaller-Himmel schwebt (oder meinetwegen auch im siebten Höllenkreis steckt), dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. Alleine schon der Übergang vom Black-Metal-Riffing hin zum klassischen Metal-Sound findet so fließend statt, dass man nicht von einem Bruch sprechen kann. Das ist großes Songwriting und schraubt die Erwartungshaltung gleich mal ganz nach oben.
Textlich bekommt man direkt aufgezeigt, was man mit dem Titel des Tracks und somit auch des Albums meint: Sanctimonious – scheinheilig – so bezeichnet nicht nur eine der Hauptfiguren der Story (Äbtissin Margaret) eine reuig ins Kloster zurückkehren wollende Schwester (Joan), sondern zeigt auch gleich ihre eigene Scheinheiligkeit auf, indem sie diese kaltblütig ermordet und Margaret als Erlösung von Joans Sünde (der Flucht aus dem Kloster) ihr dies sogar ankündigt.

„A serpent in the pulpit“
Im straight durchgezogenen Midtempo geht es nach annähernd sechs Minuten weiter, wobei die Übergänge zwischen den Songs den Eindruck erwecken, dass sie fließend stattfinden, dies aber nicht tun. Der schon erwähnte rote Faden greift auch in den Kompositionen nach gehörig Raum, sodass die Stringenz zwischen den Songs unheimlich gut funktioniert. Auch der textlich bedingte Break nach gut zwei Dritteln des Songs hin zu einer ruhigen Passage, die durch die Bridge und den abschließenden Chorus wieder aufgebrochen wird, funktioniert einfach und sorgt für ein gehöriges Maß an Gänsehaut.
Der nächste Morgen; die Nonnen versammeln sich zur Morgenlaudatio und Margaret erzählt ihnen, dass Joan Selbstmord begangen hat und man sie deswegen bei einem unbeschrifteten Grabstein bestatten soll. Eine der jüngeren Schwestern, Alice, enttarnt dies insgeheim für sich jedoch als Lüge, da sie die Wahrheit in den Augen der Äbtissin sehen kann, auch wenn sie sich sicher (noch) nicht vorstellen kann, wie tief verderbt Margaret wirklich ist.

„Penalized“
Mit 3:46 Minuten ist der Track einer der zwei unter fünf Minuten dauernden (das Intro und zwei Interludien nicht mitgezählt). Und hier wird von vorne bis hinten im straff angezogenen Midtempo ordentlich Gas gegeben. Man merkt, dass man auf einen ersten Höhepunkt zusteuert, textlich als auch musikalisch.
Denn Margaret lässt die Schwestern versammeln, zwingt sie, sich zu entkleiden und sich das ‚heilige Kreuz‘ in die Brust (den Brustkorb) zu ritzen. Sie hält einen kurzen Monolog darüber, wie Satan es schafft, in ihre Gedanken zu gelangen, dass Gott die Unschuldigen stärkt, sie sie nicht der Lust und der Geilheit überlassen wird und diese Folter sie mehr schmerzen würde als die Nonnen selbst. Der Chorus selbst jedoch spricht wieder für ihre wahren Intentionen und lässt eine weitere Facette ihres Charakters aufblitzen: Sie sollen bluten wie Christus auf dem Kalvarienberg, nach Gottes heiligem Gesetz alles verachten – und nach selbigem gequält werden. Dass eine der Schwestern diesem Druck schließlich nicht mehr standhalten kann und somit einem ‚Gottesurteil‘ (Iudicium dei) durch das Verbrühen der Arme mittels kochend heißem Wasser unterworfen wird, schockiert zwar ebenso wie die Quälerei selbst, verwundert jedoch nicht mehr.

„Scrupulosity“
Das erste Interludium; in bester King Diamond-Manier spannt man einen Bogen hin zum zweiten Akt der Geschichte.
Alice, die die Ereignisse dieses Tages zutiefst verunsichert haben und immer noch die verbrühten Arme ihrer Mit-Schwester vor Augen hat, weiß, dass sie selbst eine Sünderin ist. Denn Alice ist ‚dank‘ einer Affäre mit einem jungen Mann aus dem nahegelegenen Ort schwanger und hört nun eine Stimme in ihrem Kopf, die Ausdruck all ihres Zweifels, ihres Glaubens und ihrer Verfehlung ist. Dieser innere Dialog findet im folgenden „Sinless“ seinen Niederschlag.

„Sinless“
Den Track kennt man bereits vom 2012 erschienen Demo und von Live-Auftritten, ist im Grunde der gleiche Track, fügt sich jedoch gut in das restliche Material ein. Auch hier wieder oberes Midtempo, dass einfach zum Bangen einlädt und den zweiten Akt des Albums einläutet. Besonders beeindruckt, wie man eine fünf Jahre alte Nummer wie eine neue erscheinen lässt. Viele Bands haben hierbei das Problem, dass ein deutlicher Bruch in den Kompositionen erkennbar ist. ATTIC beherrschen dagegen das Kunststück, eben das genaue Gegenteil davon zu erreichen. Großartig!
In den Lyrics wird der beschriebene innere Konflikt näher beleuchtet. Auf den ersten Blick erscheint der Text zwar sehr eindeutig, zwischen den Zeilen jedoch erkennt man durchaus, dass jeder, der in der Vergangenheit an irgendeinem Glauben festgehalten hat und in Zweifel geraten ist, einen harten Kampf zu führen hat.

„Die Engelmacherin“
Nicht nur der Abschluss des kurzen zweiten Aktes sondern gleichzeitig der Höhepunkt des Albums, musikalisch wie textlich. Zwar auch nur im mittleren Tempo angesiedelt, transportiert dieser Song soviel Seele durch die ausgedrückte Dramatik in der Handlung, dass hier Gänsehautalarm angesagt ist. Cagliostro bietet hier die definitiv beste Gesangsleistung des ganzen Albums ab. Die Band beweist spätestens mit „Die Engelmacherin“, dass wir in der Zukunft noch Großes erwarten dürfen. Ein hochemotionaler Track, in jeder Beziehung.
Denn auch textlich steuert man den ersten großen Höhepunkt an, indem Alice sich mit ihren Sorgen der Schwangerschaft betreffend an die Priorin, Clare, wendet. Diese ist jedoch eine Petze und der Äbtissin treu ergeben. Während Alice sich in Sicherheit wiegt, hat sie keine Ahnung, dass Clare auf Margaret’s Anweisung hin ihr Essen vergiftet, damit ihr ungeborenes Kind stirbt. Als Kräuterkundige hat sie ja die dafür notwendigen Fähigkeiten…

„A quest for blood“
Mit diesem sakralen Intro zum folgenden „The hound of heaven“ beginnt quasi ein Interludium, das man eventuell schon kennt, nämlich als erste Albumauskopplung in Form des Videos, welches im Vorfeld der Veröffentlichung präsentiert wurde.

„The hound of heaven“
In diesem wieder recht schnellen Track wird zum Ende hin ebenfalls mit einem Break gearbeitet, ähnlich denen in „A serpent in the pulpit“ und „Sinnless“. Und nein, das wirkt auf die Dauer nicht langweilig, sondern dient der Abwechslung. Denn die Tracks sind, wie bereits gesagt, jeder für sich selbst genommen absolut eigenständig.
Wir erfahren nun den Grund für Margaret’s extreme Handlungen: Sie ist besessen von einer Stimme, die ihr Nacht für Nacht aufträgt, diese so obszöne Welt von den Sündern zu reinigen, indem sie diese tötet und ‚Gott‘ somit mit deren Blut zufriedenstellt. Zu welchen Handlungen Menschen fähig sind, die religiösem Wahn verfallen sind, ist keine Fiktion, sondern bittere Realität, wenn man sich näher mit der Thematik befasst. Von daher steckt auch unter diesem Songtext wieder ein gehöriges Maß an Metaebene.

„Blood on the choir stall“
Man steigt nun in den dritten Akt ein. Von der Atmosphäre her leicht an „Die Engelmacherin“ anknüpfend, spürt man in diesem Midtempo-Stück deutlich, dass man sich langsam aber sicher auf den Höhepunkt der Story zubewegt. Wird besagtes fast ausschließlich über die Emotionen getragen, herrscht hier wieder die reine Atmosphäre vor.
Alice verliert nun während einer Chorprobe ihr von der Äbtissin und Clare getötetes Kind. Der Chorstuhl ist voll vom Blut dieser Totgeburt. Margaret verunglimpft sie daraufhin als ’schamlose Pharisäerin‘ und verbannt sie in einen Turm, der zur Abtei gehört.

„Dark hosanna“
Hätte man mir im Vorfeld gesagt, dass man auf „Sanctimonious“ eine – sagen wir, wie es ist – Halbballade finden würden, dem hätte ich den Vogel gezeigt. „Dark hosanna“ ist allerdings genau das. Und was für eine! Jenseits allen Kitsches oder Pathos zeigt Cagliostro, dass er auch in den nur spärlich intrumentierten Passagen mit seiner klaren Stimme absolut dominiert und einzigartig klingt. Wieder ein Gänsehaut-Moment, an dem das bisherige Album bisher nicht gerade arm war! Versteht mich nicht falsch: Dieser ruhige Track, der zudem fast sechs Minuten dauert, reißt das Album nicht etwa aus dem Fluß, sondern verleiht ihm die nötige Tiefe, ohne die die Dramaturgie einfach nicht vollständig wäre.
Alice erlebt, eingesperrt im Turm, ihren wohl schlimmsten inneren Dialog. Sie kann nicht verstehen, dass ‚Gott‘ es zwar zugelassen hat, dass man ihr das Kind nimmt, sie jedoch weiterhin leben muss. Sie bittet ihn darum, sie zu ihm zu holen, ihr die sieben Schwerter (die sieben Todsünden) aus dem Herzen zu ziehen, ihren Schmerz zu beenden, ihre Seele zu nehmen und sie in die Unterwelt einziehen zu lassen. Sie zweifelt immer mehr an ihrem Glauben und wartet darauf, dass er ihr nur noch einen weiteren Grund liefert, sich von ihm abzuwenden.

„Born from sin“
Ziemlich zackig geht es nun auf das Ende zu. Die Story nimmt wieder Fahrt auf und auch musikalisch legt man wieder eine ordentliche Schippe Aggression obenauf. Einmal mehr ist es die fantastische Gitarrenarbeit, die den Song trägt und ihn, wie die anderen auch, zu etwas ganz Besonderem macht.
Ab hier möchte ich nicht mehr allzuviel spoilern, sondern gebe nur noch kurze Stichworte: Alice entdeckt das grausame Treiben der Äbtissin; es kommt zur finalen Konfrontation.

„There is no God“
Das große Finale, auf das man die letzte knappe Stunde hingearbeitet und mitgefiebert hat. Und man wird nicht enttäuscht. Dieser Achtminüter gehört mit zum Besten, was die Band bisher abgeliefert hat. Es gibt wahrscheinlich viele Bands, die nach knapp der Hälfte des Songs diesen beendet hätten. Nicht so ATTIC: Nach einem kurzen Break vom bisher mittleren Tempo, wird dieses nochmal spürbar angezogen, um zum Ende hin wieder in Black-Metal-Riffing zu münden, bevor mit einer kurzen Rückkopplung das Album endet. Eine etwas länger gehaltene, langsam ausfadende hätte mir persönlich zwar besser gefallen, aber das ist schließlich Erbsenzählerei…
Einhergehend damit auch das Ende der Story: ein Blutbad, das man so wahrlich nicht erwartet hätte…

Was bleibt da als Fazit zu sagen? Superlativen sind angebracht, aber die finde ich im Grunde überflüssig, denn das Album steht in seiner Ganzheit für sich selbst und wird in zehn, fünfzehn Jahren definitiv zum unabdingbaren Metalkanon zählen, ebenso wie bspw. ‚Don’t break the oath‘ von Mercyful Faith oder ‚Abigail‘ von King Diamond, um bei den Referenzen zu bleiben. Egal, welchen Aspekt man wählt: den musikalischen, textlichen oder generell das Layout; man hat ein Gesamtkunstwerk vor sich liegen, wie man es höchstens einmal im Jahr präsentiert bekommt – wenn man Glück hat. „Sanctimonious“ ist ein ganz, ganz großer Glücksgriff für die Szene. Und natürlich für ATTIC selbst, die verdammt stolz darauf sein dürfen. +++ 9,5 / 10 Punkten

Der geneigte Leser ist jetzt natürlich in der Pflicht, sich diesen ‚Album of the year‘-Anwärter schleunigst ins Regal zu stellen, Sei es als CD, LP oder in der schicken Limited Box-Edition. Dafür besucht ihr am einfachsten den Webshop von Ván Records oder deren Bandcamp-Shop, wo ihr euch das Album auch digital zulegen könnt. Apropos Box: Momentan kann diese nicht ausgeliefert werden, da es bei deren Herstellung zu fehlerhaften Produktionen kam und man nun auf die neuen Boxen wartet. Sobald diese verfügbar sind und ich euch dazu Bildmaterial präsentieren kann, werdet ihr natürlich darüber von mir informiert.

Copyright: Attic
Copyright: Attic

ATTIC – Sanctimonious
Heavy Metal from Germany
Label / Vertrieb: Ván Records
Running time: 64:04 minutes
Release date: 18.08.2017

www.van-records.de
www.bandcamp.com

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