Klassikeralben: MYSTICUM – In the streams of inferno

So gut wie jeder hat zumindest schon mal etwas von ihnen gehört, aber nicht jeder hat deswegen auch ein ganz bestimmtes Album in seinem Plattenschrank stehen: Die sogenannten Klassiker, die einen mehr oder minder großen Einfluss auf die Black Metal-Szene ausgeübt haben. Interessant an dieser Definition ist, dass es im Metal einer Zeitspanne von ungefähr zehn Jahren bedarf, bis ein Album mit einer gewissen Wirkweise auf die Szene zu einem solchen wird. Im klassischen Heavy Metal muss man dazu nur an die ersten Alben von Iron Maiden denken, im Black Metal an Venom oder Bathory. Aber was ist eigentlich mit den kleineren, der großen Masse eher unbekannten Bands, die einen genauso großen Einfluss auf die Szene ausübten? Die werden wir ab sofort in dieser Rubrik behandeln. Der Grundgedanke ist, eher die Bands zu featuren, die zwar fast nur am Rande auftauchen, aber nichtsdestotrotz einen ebenso großen Einfluss hatten (oder haben) wie die „großen“ Bands. Die Rubrik wird auch eine gute Möglichkeit bieten, Querverbindungen zu den „Bandspecials“ zu knüpfen und so auf die Dauer ein ganzheitliches Konzept bilden zu können. Ich wünsche euch viel Spaß bei der kurzweiligen Lektüre und bin schon gespannt auf eure Kommentare und Vorschläge.

Copyright: Mysticum
Copyright: Mysticum

Es gibt wenige Bands im Black Metal, die nicht der „reinen Lehre“ zuzuzählen sind aber dennoch von einem Großteil der Szenegänger gemocht werden. Die Norweger MYSTICUM gehören da ohne Wenn und Aber dazu. Ihr Debütalbum „In the streams of inferno“ entlud 1996 trotz Industrial-Elementen und Drumcomputer eine geballte Ladung Bösartigkeit über die Black Metal-Szene und polarisierte die Hörerschaft von Anfang an. Puristen pochten darauf, dass dies hier nichts mehr mit Black Metal zu tun hätte, während die Aufgeschlosseneren die Meinung vertraten, dass gerade der klinische Sound etwas völlig Eigenständiges sei und dem Black Metal wieder ein Stück vom Underground zurückgab, der damals mehr und mehr wegbrach „dank“ gewisser Bands. Bei mir selbst war es bei Release eine Art von Hassliebe. Mit Industrial konnte ich damals so wenig anfangen wie heute (bis auf ganz wenige Ausnahmen abgesehen), doch andererseits beeindruckte mich auch diese völlige Kompromisslosigkeit, mit der die Band zu Werke ging.

Original-Cover / First released on Full Moon Productions; Copyright: Mysticum
Original-Cover / First released on Full Moon Productions; Copyright: Mysticum

Bereits das kurze instrumentelle Intro „Industries of inferno“ setzte die Wegmarkierung für das komplette Album. Man spürte sofort, dass man es nicht mit massenkompatiblem Industrial-Scheiß wie etwa Nine Inch Nails zu tun hatte, sondern hier in erster Linie nach wie vor der Black Metal regierte. Der eigentliche Opener „The rest“ war denn auch die Bestätigung dieser Annahme. Das Riffing, die heiser gekreischten Vocals und ganz besonders das Drumming machten von Anfang an klar, dass trotz aller Andersartigkeit im Stil der Metal immer noch die tragende Komponente darstellte. „Let the kingdom come“, „Wintermass“, „Crypt of fear“, „Where the raven flies“ und „In your grave“ führten das Konzept weiter aus und zogen den Hörer immer weiter in die Faszination MYSTICUM hinein.

Copyright: Mysticum
Copyright: Mysticum

Viele sind auf die Norweger durch den „Nordic Metal – A tribute to Euronymous“-Sampler aufmerksam geworden, auf dem „Let the kingdom come“ (als „Kingdom comes“) sowie „In your grave“ vertreten waren. Allerdings waren die Tracks in einer remasterten Version hörbar, die zwar nun deutlich klinischer, allerdings auch weniger roh wirkte. Die Albumversionen sind deswegen vorzuziehen.

Ein großes Diskussionsthema war vor allem der Drumcomputer. Aber seien wir mal ehrlich: Obwohl man diesen zu jedem Zeitpunkt heraushört, ist er dennoch so programmiert, dass live auch alles mit einem echten Drummer zu bewältigen gewesen wäre. Wer hier mal einen Vergleich zu Samael’s „Passage“ aus dem gleichen Jahr zieht, weiß diesen Umstand dann auch sicher zu schätzen.

Das Album endet schließlich sehr ruhig mit dem sehr ambientlastigen „In the last of the ruins“. Und obwohl hier nichts mehr an die Brachialität der vorherigen Tracks erinnert, lässt dich das Stück am Ende vor allem eines spüren: totale Hoffnungslosigkeit und Desillusion über diese Welt. Und nur ein Kritikpunkt blieb am Ende dieses ansonsten makellosen Albums zurück: Die Enttäuschung über das richtig hässliche Cover…

Es gab über die Jahre verschiedene Re-releases. Einer der aktuellsten und auch am einfachsten zu erwerbende ist der von Peaceville Records als CD+DVD. Diese Version ist allerdings remastered und entspricht vom Sound her eher dem letzten Album „Planet Satan“, ist also für die heutigen MYSTICUM wesentlich representativer. Nicht falsch verstehen, ich halte die Band nach wie vor für großartig. Aber wer nicht gerade Soundfetischist ist und lieber die Originale im Schrank stehen hat, greift eben zum 1996er Release.

Cover Re-release Peaceville Records; Copyright: Mysticum
Cover Re-release Peaceville Records; Copyright: Mysticum

MYSTICUM – In the streams of inferno (1996)
Industrial Black Metal from Norway
Label / Vertrieb: diverse
Running time: 36:35 minutes (Original-Release)

www.mysticum.com
www.metal-archives.com

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