DEAD LIMBS – Spiritus/Sulphur

Copyright: Northern Silence Productions / Dead Limbs
Copyright: Northern Silence Productions / Dead Limbs

Ehrlich gesagt überrasche ich mich gerade selbst. Ich erwische mich nämlich dabei, dass ich so ein klitzekleines bisschen doch etwas mit atmosphärischem Black Metal anfangen kann. Sofern er nicht gerade aus den USA kommt oder man ihn einfach Cascadian Black Metal nennt (oder wie meine Freundin es formuliert: Baumkuschler-Black Metal). Jeder hat natürlich ein anderes Empfinden im Hinblick auf die persönliche Wahrnehmung von Musik; so auch ich. Und bloß, weil ich privat etwas nicht mag, heißt das ja nicht, dass ich deswegen nicht objekt sein könnte. Die Brasilianer DEAD LIMBS haben nach ihrer 2015er EP „Lighthouse“ gerade ihr erstes Full-length-Album veröffentlicht. „Spiritus/Sulphur“ heißt das gute Stück und ich bin absolut begeistert. Denn wo bei den genannten Nordamerikanern die Atmosphäre eher aus Themen wie Naturverbundenheit oder einer gewissen Romantik hervorgerufen wird und sich dies eben auch als zentrales Element im Sound festsetzt (Ausnahmen gibt es natürlich auch hier), entwickeln europäische oder südamerikanische Bands die Atmosphäre generell aus den Songs und ihren Einflüssen hinsichtlich des Bandkonzepts. Weshalb aber ist es mir wichtig, dies hier anzubringen? Weil „Spiritus/Sulphur“ ein erzählerisches Konzept in Form einer von der Band erdachten Geschichte namens „The ash seeketh embers“ zu Grunde liegt. Konzeptalben sind jetzt zwar nichts Neues, aber in vielen Fällen sind besonders die Lyrics dann doch sehr langatmig, verschachtelt und entweder nicht wirklich nachvollziehbar oder schlicht total platt. Hier jedoch werden Einflüsse aus griechischer Mythologie, hermetischer Philosophie (antike religiöse Geheim- und Offenbarungslehre) sowie der „Souls“-Serie (RPG-Fans hierzulande seit einigen Jahren eher unter dem Label „Dark Souls“ bekannt) verarbeitet. Und das richtig gut: Bereits der Prolog, quasi als Appetizer auf die Albumlyrics bzw. die Story generell, macht Lust auf mehr, da er fantastisch geschrieben ist und bereits andeutet, dass sich durch das gesamte Werk inklusive der Lyrics die auch im Albumtitel erkennbare Dualität zwischen Gut und Böse, Licht und Dunkelheit oder eben Feuer und Schwefel zieht (ebenfalls sehr gut ins Konzept passend: das Coverartwork, das diese Dualität abbildet; eines kann nicht existieren ohne das andere).

Doch wie steht es denn jetzt eigentlich mit der Musik? Schon der erste Track „Golden age“, eingeleitet durch ein kurzes akustisches Intro, zieht dich sofort in den Bann. Die Melodien sind wirklich wunderschön (ja, das finde ich, die Melodieverächterin, wirklich!!!), da sie sich einfach so wunderbar in den Song einfügen. Ebenso funktioniert der Wechsel von Metal- zu Akustikparts, ohne dass man sich denkt: boah, schon wieder ein Break. Im Gegenteil ist man nach fünf Minuten völlig fassungslos, dass dieser Song bereits durch ist. „Echoes of Yore“ zieht das Tempo dann etwas an, bleibt aber immer noch im oberen Midtempo und streut auch hier wieder Tempiwechsel ein. Das darauf folgende, recht ruhige Instrumental „The craven’s pilgrimage“ geht nahtlos über in „Monolith of deceived hollows“, welches die ersten drei Minuten noch sehr ruhig bleibt, um sich dann immer mehr zu steigern, bis er schließlich in das nächste Instrumental „The thorncrown’s blessing“ übergeht, ebenfalls wieder sehr ruhig gehalten. Für beide instrumentellen Stücke gilt jedoch: sie sind nicht langweilig, sondern fügen sich dem Albumfluss ohne Brüche zu erzeugen ein. „Awake! O sleeper of the land of shadows“ fasst schließlich noch einmal das komplette Albumspektrum in knapp elf Minuten zusammen und beendet damit eines der besten Black Metal-Alben, die ich in den letzten Jahren gehört habe und dass ganz sicher zu den besten dieses Jahres gehören wird; sicher nicht nur bei mir. DEAD LIMBS verfügen über ein riesiges Potential, was, wie ich hoffe, in Zukunft noch weiter ausgebaut wird. Absoluter Pflichtkauf selbst für Trve Black Metal-Fans!

Nun noch ein Wort zu den Vocals: Ich mag generell eigentlich keine cleanen Vocals im Metal und es gehört schon verdammt viel dazu, mich vom Gegenteil zu überzeugen, damit mir eine Band gefällt. Seit heute gehören DEAD LIMBS zu den nicht einmal eine Hand voll zählenden Künstlern, denen das gelungen ist. Der Wechsel vom cleanen zum aggressiven (aber stets deutlich verständlichem) Gesang ist schlicht und einfach fantastisch.

Abschließend muss hier auch noch das exzellente Mastering von Patrick W. Engel aus dem Temple of Disharmony genannt werden (Produktion und Mix wurden von DEAD LIMBS selbst durchgeführt). Der Sound wirkt zu jeder Zeit sehr differenziert, hebt jedes Instrument im jeweils passenden Augenblick hervor und verfügt daher über genau die Art von Dynamik, die diese Art von Musik auch braucht, um beim Hörer wirken zu können. Well done… +++ 9 / 10 Punkten

Auf jeden Fall aber gilt: Leute, beeilt euch! Die CD ist auf 999 Exemplare limitert und erhältlich bei Northern Silence Productions. Alternativ steht euch natürlich auch die Möglichkeit offen, das Album über deren Bandcamp-Shop im digitalen Format zu erwerben.

DEAD LIMBS – Spiritus/Sulphur
Atmospheric Black Metal from Brazil
Label / Vertrieb: Northern Silence Productions (CD) + Bandcamp (Download)
Running time: 35:00 minutes

www.northern-silence.de
www.bandcamp.com

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